„Leerheit von Anderem" (gZhan stong) in der frühen Jo nang Tradition

01.04.2019 - 31.03.2023

Leitung: Klaus-Dieter Mathes

FWF, P32016

Mitarbeiter:

  • Filippo Brambilla
  • Konchok Tamphel

Der Buddhismus ist erstmals im siebten Jahrhundert nach Tibet gekommen, aber erst im späten 10. Jahrhundert, während seiner zweiten Verbreitung, führten neue Übersetzungen der kanonischen Literatur, Übertragungslinien und Praktiken zur Herausbildung der unterschiedlichen Traditionen des tibetischen Buddhismus. Unter diesen weckte in den letzten Jahrzehnten immer mehr die Jo nang Schule, die Dol po pa (1292-1361) im 14. Jahrhundert gegründet hatte, das Interesse von Gelehrten. Die Erforschung der Jo nang Haupttexte und Lehrinhalte erfolgte bislang aber nur, verglichen mit den Untersuchungen anderer großer tibetisch-buddhistischer Schulen, in geringem Umfang. Diese Lücke wird besonders deutlich, wenn man versucht, die differenzierten Positionen verschiedener Jo nang Meister vor dem Hintergrund der philosophischen Entwicklung ihrer Tradition über die sieben Jahrhunderte ihres Bestehens zu berücksichtigen. Im Gegensatz zur Erforschung anderer Traditionen, sind die wenigen Untersuchungs­ergebnisse über die Jo nang fast ohne direkten Kontakt mit ihren aktuellen Vertretern zustande gekommen. Vielmehr wurden die Jo nang-Sichtweisen, der Polemik anderer Schulen folgend, verzerrt dargestellt.

Ziel des vorgeschlagenen Projekts ist es, ein umfassendes Bild von der frühen Phase der Jo nang zu zeichnen. Dabei soll genau bestimmt werden, wie der Begründer Dol po pa das Jo nang Lehrsystem aufgestellt hat, und wie dieses dann von seinen Schülern im 14. und 15. Jahrhundert systematisiert wurde. Unser Hauptaugenmerk wird dabei auf der Art und Weise liegen, wie Dol po pa eine allgegenwärtige Buddhanatur als endgültig wahre Natur aller Lebewesen fasst, und diese als ,leer von anderem', d.h. den relativen Objekten falscher Wahrnehmung bestimmt. Da Dol po pa seine Theorie auf eine einzigartige Auslegung und Synthese von Sūtra- und Tantra- (d.i. exoterischen und esoterischen) Lehrwerken stützt, soll eine sorgfältige Auswahl aus diesen beiden Literaturgattungen untersucht werden. Dennoch, da die rezente Forschung die Jo nang Lehre hauptsächlich im Hinblick auf ihre exoterische Quellen bedacht hat, wird es eines der wesentlichen Ziele unserer Forschung sein, Licht auf die esoterische tantrische Grundlage dieser Schule zu werfen. Neben den relevanten Werken Dol po pas haben wir auch vor, die bedeutendsten Werke seiner direkten Schüler zu untersuchen. Wir versprechen uns dadurch Antworten auf die Frage, wie sich die Anhänger der Jo nang Schule als eigenständige Tradition konstituiert haben, und in wieweit interne Debatten zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Werke ausgewiesener Autoren werden auf ihre Originalität und ihren Einfluss hin untersucht. Eine sorgfältige Auswahl von Textstellen wird dann nach den Regeln der klassischen Philologie ediert, übersetzt und annotiert. Darüber hinaus werden wir, wie sich bereits auf früheren Feldforschungen in Asien gezeigt hat, unser auf Text-Studien basierendes Verständnis mit dem Wissen traditioneller Gelehrter aus Tibet, Indien und Nepal gewinnbringend ergänzen können. Unser über Jahre gewachsenes Netzwerk an Kontakten wird dabei von großem Nutzen sein.