Tawni Tidwell
E-Mail: tawni.tidwell(at)univie.ac.at
Ass.-Prof. Dr. Tawni Tidwell ist biokulturelle Anthropologin und Ärztin für Tibetische Medizin. Im Zentrum ihrer Forschung stehen Brücken zwischen der euroamerikanischen Wissenschaftstradition und der tibetischen Medizinaltradition sowie den jeweils zugrunde liegenden Erkenntnistheorien, Ontologien und Lehrmethoden. Sie ist die erste Nichtasiatin, die ihre medizinische Ausbildung in Tibetischer Medizin vollständig an einer tibetischen Institution, in tibetischer Sprache und gemeinsam mit tibetischen Studierenden absolviert hat.
Ihre Ausbildung erhielt Dr. Tidwell am Men-Tsee-Khang in Nordindien sowie am Sorig Loling Tibetan Medical College der Qinghai-Universität im östlichen Tibet. Im Rahmen ihrer Dissertation an der Emory University (PhD, 2017) untersuchte sie Verkörperungsprozesse in der mündlich-schriftlichen Wissensweitergabe sowie Wahrnehmungstechniken in der Differentialdiagnostik. Dabei verband sie Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, der buddhistischen Erkenntnistheorie und der biokulturellen Anthropologie, um zu erforschen, wie tibetische Ärzt*innen diagnostische Praktiken verkörpern und erlernen, insbesondere im Zusammenhang mit Krebserkrankungen und Stoffwechselstörungen.
Derzeit ist sie Senior Postdoctoral Researcher und Principal Investigator (PI) des vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekts „Tibetan Medicine in a Degenerate Age“. Darüber hinaus ist sie Core Research Assistant Professor am Center for Healthy Minds der University of Wisconsin-Madison und zählt zu den Principal Investigators der Field Study of the Physiology of Meditation Practitioners and the Tukdam Meditative State (FMed), auch bekannt als Tukdam Study. Dieses internationale Forschungsprojekt wird in Zusammenarbeit mit der Russischen Akademie der Wissenschaften, dem National Institute of Mental Health and Neuro Sciences (NIMHANS) in Indien, dem Delek Hospital, dem Men-Tsee-Khang Tibetan Medical Institute sowie einem Netzwerk tibetisch-buddhistischer Klosterinstitutionen in Indien durchgeführt und steht unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama.
Zudem wirkt sie am FWF-Projekt „Pandemic Narratives of Tibet and the Himalayas“ mit, in dessen Rahmen sie zu tibetisch-medizinischen Reaktionen auf COVID-19 in Tibet und Nordamerika forscht.
Von 2020 bis 2022 leitete sie als Principal Investigator die North American COVID-19 Tibetan Medical Observational Study (NACTMOS) sowie die vom Mind & Life Institute geförderte Varela Study, die individuelle Unterschiede in den Wirkungen kontemplativer Praxis untersucht.
Während ihrer Tätigkeit an der Universität Wien war sie Mitarbeiterin im FWF-Projekt „Potent Substances in Sowa Rigpa and Buddhist Ritual“. Aus diesem Projekt ging die 2026 erschienene gemeinsame Monographie Crafting Potency: Sowa Rigpa Artisanship across the Himalayas hervor. Das Werk würdigt die handwerkliche Expertise von Hersteller*innen und Ärzt*innen der Sowa-Rigpa-Medizin und beleuchtet die Komplexität der Herstellung wirksamer Heilmittel zur Transformation von Körper und Geist.
Zuvor war Dr. Tidwell Postdoctoral Fellow an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im ERC-geförderten Projekt „Reassembling Tibetan Medicine (RATIMED)” sowie an der Universität Wien. Dort beschäftigte sie sich mit pharmakologischen Innovationen in der Tibetischen Medizin und mit Ausbildungspraktiken der Arzneimittelherstellung, insbesondere im östlichen Tibet.
Dr. Tidwells Forschung widmet sich der Beziehung von Geist und Körper, die sowohl in biokulturellen Ansätzen als auch in der Tibetischen Medizin als Grundlage für die Förderung von Wohlbefinden und Gesundheit verstanden wird. Sie untersucht Konzepte und Praktiken eines gelingenden Lebens sowie Prozesse eines achtsamen und bewussten Sterbens. Besonderes Interesse gilt den kulturellen, sozialen und ökologischen Bedingungen, die jene Praktiken und Geisteshaltungen fördern, welche zu Wohlbefinden über den gesamten Lebensverlauf beitragen. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Vielfalt solcher Erfahrungen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.
Ihre transdisziplinäre Forschung leistet Beiträge zum Verständnis von Magen-Darm-Erkrankungen, Krebserkrankungen und chronisch-entzündlichen Leiden. In ihren Publikationen befasst sie sich insbesondere mit diagnostischen und therapeutischen Paradigmen, pharmakologischen Synergien sowie Formen der Verkörperung in kontemplativen Praktiken, Gesundheit und Heilung. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit führt sie eine private Praxis, in der sie Patient*innen mit einem breiten Spektrum an Beschwerden behandelt.
Forschungsschwerpunkte:
- Wohlbefindenskonzepte der Tibetischen Medizin zur Bewältigung ökologischer, sozialer und psychophysiologischer Ungleichgewichte der Gegenwart
- Wissenssysteme zu Körper, Gesundheit und Krankheit sowie deren Wechselwirkungen innerhalb ökologischer und sozialer Zusammenhänge
- Wissensvermittlung und Praxistraditionen, verkörpertes Wissen, diagnostische Verfahren und therapeutische Ansätze
- Kulturelle Praktiken zur Förderung von Resilienz und Wohlbefinden
- Biokulturelle Anthropologie der Tibetischen Medizin sowie buddhistischer Meditations- und Ritualpraktiken
- Tidwell, Tawni. “Buddhism and Medicine.” In Press. Buddhist Philosophy Section. Eds. Emily McRae and Constance Kassor. Routledge Encyclopedia of Philosophy Online. Expected Autumn 2026.
- Gerke, Barbara, Jan M.A. van der Valk, Tawni Tidwell, and Calum Blaikie. 2026. Crafting Potency: Sowa Rigpa Artisanship across the Himalayas. Heidelberg: Heidelberg Asian Studies Publishing. DOI: 10.11588/hasp.1494.
- Tidwell, Tawni, guest editor. 2026. “Liberating Mind at Death: Ontological Realities and Discourses with Science in Tibetan Tukdam Post-death Meditative State.” Contributors: Vincanne Adams, Donagh Coleman, Dylan Lott, Tenzin Namdul, Tawni Tidwell. Culture, Medicine, and Psychiatry 49(2). Accessed at: link.springer.com/journal/11013/volumes-and-issues/49-2
- Tidwell, Tawni. 2026. “Commentary on ‘More than ‘Information in the Head’: Culture, Cultural Evolution, and Concepts in Dynamic Assemblages’ by Agustin Fuentes, Greg Downey, and Alexander J. Gillett.” Current Anthropology 67(2) April 2026.
- FWF-Projekt Pandemie-Narrative von Tibet und dem Himalaya (2022-2026)
- Tibetan Medicine in a Degenerate Age (Leitung, 2026-2030)