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Gerald Zachar: "Kolonialer Diskurs und koloniale Praxis am Beispiel von Satī "
PS, 2 SSt., 5 ECTS.
Studienplancodes: BA5
Termin: Do, 15:15-18:15, SR 3 SAK, zu folgenden Terminen: 8.3., 22.3., 19.4., 3.5., 31.5., 14.6., 21.6.
Beschränkte Teilnehmerzahl: 36
Lange bevor sich die achtzehnjährige Roop Kanwar auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes in Deorala (Rajasthan) am 4. September 1987 verbrannt hat, war das Phänomen der "Witwenverbrennung" (Satī) in Indien ebenso berühmt wie berüchtigt. Seit der Frühen Neuzeit hat Satī die europäische Wahrnehmung Indiens stark mitgeprägt, und ist von den Anfängen der englischen Kolonialherrschaft bis heute Gegenstand sehr lebhafter theologischer, politischer und wissenschaftlicher Debatten geblieben.
Bereits die ersten europäischen Augenzeugen hatten eine sehr ambivalente Einstellung gegenüber Satī: Während die Bewunderer die Selbstverbrennung der Witwe auf dem Scheiterhaufen ihres verstorbenen Mannes als heroischen und religiösen Akt begriffen, waren die Gegner darum bemüht, das Satī-Ritual als primitiv und barbarisch abzutun. Diese zwiespältige Haltung prägte auch die erste moderne Debatte und Auseinandersetzung um die Zulässigkeit und religiöse Legitimität dieses heftig umstrittenen Rituals im kolonialen Bengalen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mit der wir uns in diesem PS hauptsächlich beschäftigen werden. Dass Europäer wie Inder sehr unterschiedliche Standpunkte in Bezug auf Satī vertraten, bevor das Ritual der "Witwenverbrennung" 1829 endgültig mit einem Verbot belegt wurde, wird uns dabei ebenso beschäftigen wie die administrative Praxis der Kolonialherren.
In dieser als Einführung konzipierten LV werden wir nicht nur verschiedene historische Quellen gemeinsam mit den darauf aufbauenden Interpretationen lesen und diskutieren, sondern wir werden auch Gelegenheit haben, einige Begriffe und Konzepte zu erproben, welche die historische Betrachtung Südasiens in den letzten Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst haben.
Ein detaillierter Überlick über das Programm des PS erfolgt in der ersten Stunde.
Auswahlbibliographie:
- Cohn, Bernard S.: An anthropologist among the historians and other essays. New Dehli: Oxford Univiversity Press 2004.
- Derrett, J. Duncan M.: Sanskrit Legal Treatises Compiled at the Instance of the British. In: Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft, 63/1961. S. 72-117.
- Fisch, Jörg: Tödliche Rituale. Die indische Witwenverbrennung und andere Formen der Totenfolge. Frankfurt am Main: Campus-Verlag 1998.
- Ghose, Jogendra Chunder (Hrsg.): The English Works of Raja Rammohun Roy. Bd. 2. Calcutta: Srikanta Roy 1901.
- Hawley, John S. (Hrsg.): Sati. The Blessing and the Curse. The Burning of Wives in India. New York: Oxford University Press 1994.
- Kopf, David, British Orientalism and the Bengal Renaissance. The dynamics of Indian modernization 1773-1835. Berkeley: University of California Press 1969.
- Mani, Lata: Contentious Traditions. The Debate on Sati in Colonial India. Berkeley: University of California Press 1998.
- Nandy, Ashis: Sati: A Nineteenth-Century Tale of Women, Violence and Protest. In: T.G. Vaidyanathan und Jeffrey J. Kripal (Hrsg.): Vishnu on Freud's Desk. A Reader in Psychoanalysis and Hinduism. Delhi: Oxford University Press 1999. S. 304-338.
- Saïd, Edward W.: Orientalism. London: Penguin 2003.
- Sarkar, Sumit: Rammohun Roy and the Break with the Past. In: V.C. Joshi (Hrsg.): Rammohun Roy and the Process of Modernization in India. Delhi: Vikas Publishing House 1975. S. 46-68.
- Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern speak? In: Cary Nelson und Lawrence Grossberg (Hrsg.): Marxism and the interpretation of culture. Urbana: University of Illinois Press 1988. S. 271-313.
- Weinberger-Thomas, Catherine: Ashes of Immortality. Widow burning in India. New Delhi: Oxford University Press 2000.
- Weinberger-Thomas, Catherine: Cendres d'immortalité. La crémation des veuves en Inde. In: Archives des sciences sociales des religions 67/1 (1989). S. 9-51.
Zeugniserwerb: Das PS soll ein Diskussionsforum sein und ist eine prüfungsimmante LV. Eine regelmäßige Teilnahme und eine gründliche Lektüre der Texte ist somit Voraussetzung. Bewertungsgrundlage sind Kurzreferate, die Teilnahme an der Diskussion und eine schriftliche Arbeit von etwa 5 bis 10 Seiten Umfang (eigene Themenwahl nach vorheriger Absprache).
Die für das PS relevanten Texte werden zu Beginn des Semesters auf der elearning-Plattform Moodle oder im Handapparat bereitgestellt.
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